Rezensionen

Rezension: Vox

Vox
Christina Dalcher
Marion Balkenhol (Übersetzerin), Susanne Aeckerle (Übersetzerin)
S. Fischer Verlag
400 Seiten

Klappentext:
In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz. Das provozierende Überraschungsdebüt aus den USA, über das niemand schweigen wird!

Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr.

Das ist der Anfang.

Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.

Aber das ist nicht das Ende.

Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

Meine Meinung:
Erst einmal vielen Dank an S. Fischer und Netgalley für das Rezensionsexemplar – meine Meinung zu diesem Buch wurde dadurch nicht beeinflusst.

Als ich das Buch das erste Mal in den Medien sah, war mir sofort klar: Das will ich lesen. Es hat mich angesprungen – die Thematik finde ich unglaublich spannend.

Das Buch spielt in der näheren Zukunft – genau definiert ist es allerdings nicht.

Wir erleben die Geschichte aus der Sicht von Jean – immer mit Rückblicken in die Vergangenheit, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Es ist unglaublich, wie schnell sowas tatsächlich passieren kann, das muss man sich auch in der heutigen Sicht immer vor Augen halten.

“Das würde nie passieren. Niemals. Frauen würden da nicht mitmachen.”

Nein, theoretisch würden Frauen das auch nicht – allerdings zeigt uns dieses Buch, wie wichtig es ist, seine Stimme zu nutzen, solange man sie noch nutzen kann. Jean als Protagonistin hat einfach nicht geglaubt, dass die Politik und die “MAKE AMERICA MORAL AGAIN” so viel Einfluss und Macht bekommen würde. In ihren Rückblicken sieht man die schleichende Veränderung, die Argumente, die selbst ihr Umfeld überzeugen und wie sie selbst alles abtut. Sie sieht die Gefahr – unternimmt aber nichts dagegen, obwohl ihre Freundin, eine glühende Gegnerin und Verfechterin der Proteste, sie quasi anfleht, dagegen zu protestieren. “Das würde nie passieren…”

Frauen sollen sich auf ihre Kinder, Familie und die Grundwerte konzentrieren – einfache Tortengraphiken stehen am Anfang und zeigen all die negativen Auswirkungen des Feminismus und dessen schreckliche (Achtung: nicht MEINE Meinung) Entwicklung. Frauen zurück an den Herd, dann wird alles wieder gut. Mädchen im allgemeinen müssen nicht sprechen oder sogar lesen können – für den Haushalt reicht es, wenn man grundlegend rechnen kann und so wichtige Sachen wie nähen und kochen.

Um das zu realisieren, die Frauen auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, müssen sie nicht reden. Frauen wird ein Armband verordnet, das sie nicht ablegen können. Es zählt die gesprochenen Worte pro Tag, sollten sie mehr als diese 100 Worte reden, bekommen sie automatisch Stromschläge. Anfangs nur leichte, die Warnungen werden aber immer schmerzhafter.
Auch Zeichensprache ist schwierig – diesbezüglich gibt es mehr als genug Überwachung.

“Vielleicht ist es bei den Nazis in Deutschland genau so gelaufen, bei den Serben in Bosnien, den Hutus in Ruanda. Ich habe mir oft überlegt, wie sich Kinder in Monster verwandeln, wie sie lernen können, dass Töten richtig ist und Unterdrückung gerecht, wie sich in einer einzigen Generation die Welt auf ihrer Achse drehen und in einen Ort verwandeln kann, der nicht wiederzuerkennen ist.”

Es ist faszinierend zu beobachten, wie schnell Kinder zu beeinflussen sind. Durch das System, durch Strafen und durch Belohnungen. Die Autorin zeigt durch die Augen der Protagonistin, wie ihre Familie das neue System annimmt und als Leser überdenkt man, wie man selbst reagieren würde.

Ich bin begeistert von der Idee zu diesem Buch. Konnte ich mir anfangs nicht vorstellen, wie es zu einem solchen Szenario kommen könnte: JETZT kann ich mir es durchaus denken.

Ich habe euch kleinere Kritikpunkte, die ich nicht unterschlagen möchte:

Es war für mich schwer, zeitlich alles nachzuvollziehen. Einerseits besteht dieser Zwang schon seit über einem Jahr, andererseits hat sie vor 2 Monaten noch gearbeitet und Kollegen getroffen?

Das Ende war mir zu “wild” – das ist aber meine persönliche Meinung und mir fällt auch kein klügeres Ende dafür ein, dennoch fügte es sich für mich nicht in das gesellschaftskritische Buch.

Die Beziehung zwischen Jean, ihrem Mann und die Entwicklung (mehr sage ich lieber nicht)… Ja, ich verstehe den Ansatzpunkt und dass es prinzipiell eine weitere Form der Entscheidung nach sich zog – war aber für mich unnötig und eher störend.

Solltet ihr das Buch lesen oder schon gelesen haben, bin ich sehr neugierig auf eure Gedanken dazu.

Dennoch kann ich das Buch, trotz der Kritikpunkte, absolut empfehlen. Die Gedankengänge dazu finde ich gut und diskussionswürdig und in vielen Dingen spiegelt es derzeit politische Ansichten wider.

Wir müssen unsere Stimme nutzen – unsere Möglichkeit zu wählen und wir sollten gegen Dinge gehen, die wir nicht wollen. “Das würde nicht passieren.” – es kann aber, wenn wir uns nicht dagegen einsetzen!

“Das Böse triumphiert, wenn gute Menschen nichts tun.”

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